Höllengebirge

Für die städtischen Sommerfrischler waren Berge eine Gegenwelt zu ihrem gewohnten Umfeld, in der sie Ausgleich und Erholung suchten. Für die einheimische Bevölkerung waren die Berge Teil ihres täglichen Lebens und Arbeitens: als Jäger, Förster, Holzknechte, Salinenarbeiter, Almbauern und später als Bergführer und Sesselträger bestiegen sie die Berge nicht zu ihrem Freizeitvergnügen. Erst mit dem steigenden Wohlstand begannen sich auch Einheimische für „die Eroberung des Unnützen“ zu interessieren.

Die Adlerspitze war Schauplatz der ersten, zaghaften Versuche, im Höllengebirge bergsteigerisches Neuland zu erobern. Schon 1905 erstiegen die beiden Mitglieder des Gmundner Alpenvereins Ferdinand Schaller und Rudolf Lettner erstmals dieses charakteristisch viergipfelige Felsmassiv über den Ostgrat, eine Tour im dritten Schwierigkeitsgrad. Drei Jahre später gelang die erste Überschreitung der Adlerspitze. Doch erst nach einer langen Pause begannen sich wieder Bergsteiger ernsthaft für das Höllengebirge zu interessieren. „Seit der ersten Ersteigung der Adlerspitze wurde im Höllengebirge keine Neutour unternommen. Der Grund mag wohl die unter Bergsteigern allgemein verbreitete Anschauung sein, dass das Gebiet an Kletterfahrten wenig bietet“,23 mutmaßte Sepp Stahrl. Gemeinsam mit den beiden anderen Gmundner Bergsteigern Josef Mulzet und Max Huemer unternahm er in den 20er-Jahren Erstbegehungen im östlichen Höllengebirge, die wegen ihrer Schwierigkeiten für die damalige Zeit ganz ungewöhnlich waren: so die Eiblgupf-Nordostwand (V) und den Alberfeldkogel-Nordostpfeiler (IV-). In den 20er-Jahren etablierte sich auch in Vöcklabruck eine Bergsteigergruppe, die im westlichen Höllengebirge aktiv war. Aufzeichnungen der alpinistischen Leistungen aus  dieser Zeit sind jedoch leider spärlich. Erst in den beginnenden 30er-Jahren ist eine rege Erschließungstätigkeit der Vöcklabrucker Kletterer Sepp Heizendorfer, Scheibenpflug, Hans Matterbauer, Wilhelm Stix und Gustav Neubacher an der Adlerspitze, den Steinernen Mannern und dem Steinbacher Däumling (= Vöcklabrucker Turm) dokumentiert. Die beiden schwierigsten Neutouren vor Ausbruch des Krieges gelangen den Kletterern Franz Scheckenberger und Hias Aigner aus Seewalchen: die Nordwestkante des Seeturms und die Nordwand des Mittelgipfels, beide im oberen fünften Schwierigkeitsgrad.

Zu den einheimischen Bergsteigern gesellten sich nach dem Krieg bald auch wieder die Urlauber. Mit dem Wirtschaftswunder in Deutschland und dem Bau der Autobahn Salzburg–Mondsee in den 50er-Jahren stieg die Zahl der deutschen Gäste beträchtlich. „Zimmer mit  Fließwasser“ wurden angepriesen. Die Zahl und Qualität der Zimmer stieg mit jedem Jahr. Nicht selten buchten die Stammgäste gleich bei der Abreise für den nächsten Sommer. Es wurde angebaut, aufgebaut, neu gebaut. Die Touristiker warben für den „Urlaub im Salzkammergut“ und sie meinten damit die gesamte Seenlandschaft im südlichen Oberösterreich.

Dem wachsenden Interesse am Klettersport entsprechend, erschien 1969 ein „Kletterführer der Adlerspitzen“ von Franz Hauzenberger. In der Steinbacher Bergrettung zählten Engelbert Hausleithner und Gundolf Daxner zu den Kletterpionieren: „In den 70er-Jahren haben wir bis zum 5er alle Kletterrouten hier im Gebiet gemacht. Wir haben die Leute der Steinbacher Bergrettung ausgebildet und waren am Aufbau der Bergrettungsgruppe Steinbach/Weyregg wesentlich beteiligt.“ Die Beschreibung der damaligen Ausrüstung zeigt, wie viel sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten verbessert hat: „Kletterpatschen mit Gummisohlen sind damals erst aufgekommen. Helme hat es auch nicht gegeben. Wir haben Tiroler Hüte genommen, einen Gummizug ums Kinn und Heu hinein, da hatte man dann zumindest a bissl einen Schutz.“ Heute hat sich der Schwerpunkt auf das Sportklettern verlagert, alpine Routen werden nur noch selten begangen. Das traditionelle Klettergebiet der Adlerspitze wurde saniert und darüber hinaus eine Anzahl neuer Routen im Bereich Grenzeck, Steinerne Manner, Vorderes Aurachkar und Schafluckenwand angelegt. Neue Routen bis zum neunten Schwierigkeitsgrad wurden eröffnet.